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„Wherever you go...“

Ein Künstlerleben ohne Veränderung gibt es nicht. So hat auch im Werk von Kevin Rausch innerhalb der letzten beiden Jahre eine bemerkenswerte Weiterentwicklung stattgefunden:
Obwohl er viele stilistische Merkmale in seinen Mischtechniken beibehalten hat, so hat er zugleich die Intensität und Facetten seiner Arbeit gesteigert:

Das funktioniert durch Konsequenz, durch ein beharrliches, aufrichtiges Einhalten der eigenen Arbeitsmoral. Kevin Rausch führt ein extremes Leben in der Malerei zwischen totalem Rückzug und Extrovertiertheit. Seine Kunst sieht er als Reifeprozess, der genügend Substanz und innere Stärke sowie Abstand von jeglicher Manipulation von außen mit sich bringt. Kevin Rausch ist schlicht und einfach ein Künstler, der seine Kunst ernst nimmt.

Warum brauchen wir als Betrachter Bilder wie die von Kevin Rausch? Sie sind authentisch und eigenständig und diese Authentizität grenzt sie von anderen Werken junger Künstler glaubwürdig ab. Sie konfrontieren uns , sind zeitkritisch und stellen Fragen, die wir beantworten sollten.

Die Werke von Kevin Rausch enthalten Zwischentöne, eine unverkennbare subtile Farbigkeit und etwas, das wir alle in uns tragen: Den Zug in die Ferne, die noch unentdeckte Fremde, gleichzeitig der Wunsch nach Schutz, Geborgenheit und Unverletzbarkeit.
Begründet liegt das alles in der Unwiederbringlichkeit der Kindheit, die gleichzeitig Trotz, Verweigerung, Starrsinn und die Unfähigkeit, das eigene ich zu überwinden, mit sich bringt.

Letztendlich spielen alle Protagonisten in Kevin Rauschs Kunst ein nicht ganz ungefährliches Spiel, alles steht auf der Kippe, scheint unbewältigt, ist aber vielleicht doch schon längst vergessen und scheinbar in der Erinnerung vergraben. Somit behandelt der Künstler thematisch die Thematik Erinnerung und Vergessen.

Fremde Kulturen spielen auf den Bildern mit ein, Ethnologisches. Da ist ein echter Indianer, Symbol für das Unverfälschte, Unverdorbene - oder doch Großstadtindianer - da sind die Jäger und die Gejagten, die lebendigen Toten, die toten Lebendigen, hier treffen sich Stumpfheit, Melancholie und Romantik.

Betrachten wir die Figuren auf Kevin Rausch Bildern, so sind es Wesen angesiedelt zwischen Selbstportrait, Mann und Frau, die in einer Art von brüchiger, tektonisch geschichteter Weltenlandschaft, eher abwarten als agieren. Sie warten scheinbar auf bessere Zeiten, manchmal kokettieren, posieren sie fast witzig wie Staffage- oder Sammlerfiguren aus den 50er Jahren, wie Figuren auf Bildern von Raoul Dufy. Sie fordern indirekt dazu heraus, sie von ihrem Schicksal zu befreien, um ihre eigentlich positiven Charakterzüge und Leichtlebigkeit zu enttarnen.
Man muss diese Figuren nicht mögen, aber man entkommt ihnen auch nicht ganz.
Sie sind Untote, leere Hüllen ohne Geist, etwas stereotype Schutzbefohlene ohne Retter, ohne Grund und Boden, ohne Rächer, der Angriffe abwehrt, der ihrem Ausgesetztsein ein Ende bereitet. Diese Figuren sind unserem Unterbewusstsein verankert wie der Titel der Ausstellung besagt: Wherever you go, I´m already there. Die eigenwillig humorvollen, oder doch eher zynischen Titel der Arbeiten zeugen von einem lachendem und einem weinendem Auge.

Darum geht es vielleicht auch in Kevin Rauschs Bildern, um Erlösung, die Rettung der Welt und der Natur - jedoch ohne Sentimentalität. Und es geht um die Rettung innerer Qualitäten.
Der Künstler möchte keine heile, geschönte Welt malen. Er tendiert zu einer harten Form des Realismus, die in Anbetracht der Katastrophen, der Lieb- und Leblosigkeit gerechtfertigt scheint. Welche Rolle der Betrachter hier spielen möchte, liegt an seinem eigenen Gewissen - Retter sein oder Zerstörer.

Zwischen flirrender Helligkeit und bodenlosen Dunkelheit ist immer ein froher Sinn zu entdecken, etwas Matisse im Blau des Himmels, im hellen Grün der Wiesen, in den an die Muster- und Dekorvielfalt des Jugendstil angelehnte Landschaften, dem Meer, dem See, Asphalt, Steine, Berge, Schluchten. Es ist die Anziehungskraft der Natur und ihrer Gewalten, die sich hier auf den Menschen überträgt.
Doch was ist das für ein See, in dem eine Leiche als Folge eines Liebesmelodrams schwimmt. Darin möchte keiner baden, genauso wenig wie im japanischen Meer. Wenn das Publikum keine Alpträume hat, ist ihm sofort langweilig, hat Thomas Bernhard schon gesagt.

Künstlerische Anhaltspunkte findet Kevin Rausch in der Kunstgeschichte, oft nebensächlich scheinende ,formale Details, die er umkonstruiert. Kunst Recyceln könnte man das nennen. Das passiert auch bei den sog. Penthouse Asylanten und Skulpturen, die sicher noch nie ein Penthouse von innen gesehen haben. Figuren aus allerhand Müll und Überresten, aus Atelierfundstücken, Papierlagen verklebt, collagiert, genäht, bezeichnet zusammengebaut- armselige, traurige Gestalten mit Zigarettenkippen und abblätterndem Goldglanz. Oder sind diese Figuren ein Mahnmal des eigenen schlechten Gewissens, unsere ständigen Begleiter, die das Atelier nicht verlassen dürfen, weil sie hässlich und traurig sind. Weil sie sich dem schönen Dasein draußen verweigern. Diese Penthouseasylanten sind direkt den Bildern von Kevin Rausch entstiegen und bilden somit einen wesentlichen Teil des Gesamtwerks.
Letztendlich ist Kunst ein Abbild der Gesellschaft.

 

Barbara Baum, Vienna 2011
curator OMV art projects


„...I’m already there“

There is no such thing as an artist’s life without change. So during the last two years a remarkable development has taken place also in the work of Kevin Rausch:

although he has retained many stylistic features in his mixed technique, he has simultaneously recharged the intensity and facets of his work:

this functions owing to the resolute consistency, the persistent, wholehearted adherence to his own work morale. Kevin Rausch leads an extreme life in painting between total withdrawal and extravert gesture. He sees his art as a process of maturation, which involves sufficient substance and inner strength, as well as distance from any kind of manipulation from outside. Kevin Rausch is simply an artist, who takes his art seriously.
Why do we as observers need pictures like those of Kevin Rausch? They are authentic and independent, and this authenticity demarcates them convincingly from other works by young artists. They confront us, they are critical of the age, and pose questions that we are obliged to answer.

The works of Kevin Rausch contain intermediate tones, an unmistakable and subtle colouring, and something we all bear within ourselves: the call of faraway places, undiscovered countries, simultaneously the dream of refuge, a feeling of security and invulnerability.
This is all founded in the irretrievability of childhood, which simultaneously involves defiance, refusal, stubbornness and the inability to overcome one’s own self.

In the end, all protagonists in Kevin Rausch’s art play a role that is not without danger, everything is teetering on the brink, seems unresolved, but was perhaps forgotten long ago and seemingly buried in the memory. Such is the artist’s approach to the theme of remembering and forgetting.

Foreign cultures play a role within the pictures, ethnological elements. Here we see an genuine Indian, symbol of all that not fake, that is unspoilt – or perhaps big-city Indians after all – the hunters and the hunted, the living dead, the dead living – this is where apathy, melancholy and romance all collide.

When we look at the figures in Kevin Rausch’s pictures, we see creatures located between self-portrait, man and woman, who tend to wait rather than act within a kind of fragile, tectonically layered world landscape. They are apparently waiting for better times, sometimes act coquettishly, pose almost comically like staffage or collector’s figures from the nineteen-fifties, like figures on pictures by Raoul Dufy. They challenge us face-on to free them from their fates, in order to unmask their actually positive character traits and easy-come, easy-go attitude.
You don’t have to like these figures, but you can’t quite get away from them.
They are undead, empty shells, spiritless, somewhat stereotypical ‘orphans’ without a rescuer, without solid foundation, without an avenger who repulses attacks, who makes an end of their outcast state. These figures are anchored to our unconscious, as is manifest in the exhibition title: Wherever you go, I´m already there. The wilfully humorous, or rather cynical titles of the works testify to one laughing and one weeping eye.

This may be what Kevin Rausch’s pictures are about as well, about redemption, rescuing the world and nature – but without sentimentality. And they are about rescuing inner qualities.
The artist doesn’t wish to paint a sound, beautified world. He tends towards a hard form of realism, which seems justified when we think of the catastrophes, the lack of love and life. What role the observer would like to play here depends on one’s own conscience – whether to be rescuer or destroyer.

We can always discern a joyous sense between shimmering brightness and bottomless dark, a touch of Matisse in the blue of the sky, in the bright green of the meadows, in the landscapes infused with the diversity of the patterns and decorations of art nouveau, the sea, the lake, asphalt, stones, mountains, gorges. The magnetic attraction and power of nature are transferred here onto the human figures.

But what about the lake where a corpse floats as the outcome of a melodramatic love affair? No one wants to swim here, just as little as in the Japanese sea. When the public cease to have nightmares they immediately become bored, as Thomas Bernhard noted.

Kevin Rausch finds artistic indicators in art history, aesthetic, often seemingly marginal details, which he reconstructs. You might call this recycling art. This also happens with the so called Penthouse Asylum Seekers and sculptures, which have certainly never seen a penthouse from within. Figures assembled out of all kinds of refuse and remnants, studio finds, layers of paper stuck together, collaged, sewn, marked – pathetic, mournful figures with cigarette stubs and peeling gold-glimmer. Or are these figures a warning of our own bad conscience, our constant companions, who are not permitted to leave the studio because they are ugly and sad? Because they reject the beautiful life outside. These penthouse asylum seekers have climbed directly out of Kevin Rausch’s pictures and hence form a major part of his total oeuvre.
In the end, art is an image of society.

Barbara Baum, Vienna 2011
curator OMV art projects